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18.06.10
Ich bin doch auch noch da“ – das Geschwisterprojekt

 

„Meine Lena ist beim Voltigieren“. „Der Thomas macht Leichtathletik, in welcher Schule sind Sie mit ihrem Kind?“  - so unterhalten sich Mütter über ihre behinderten Kinder während der National Games. Daneben sitzen schweigend ihre Söhne, die ohne Behinderung. Es ist das Geschwistertreffen, also eigentlich die Zeit, in der sich alles nur um ihre gesunden Kinder drehen sollte.

Die Situation zeigt, wie schwer es Geschwister haben können, im Mittelpunkt zu stehen. Sie müssen oft zurückstecken und verzichten. Deshalb arbeitet Marlies Winkelheide, Sozialwissenschaftlerin, seit 28 Jahren mit Geschwistern und entwickelte ein eigenes Seminar, indem Geschwister ihre Gefühle und Bedürfnisse frei äußern können. „Wichtig ist ein geschlossener Raum und die Eltern dürfen nicht dabei sein. Das ist die Voraussetzung, dass die Geschwister auch wirklich sagen, was sie denken“, so Winkelheide.

Die Turnhalle auf der Pauliner Marsch bietet den perfekten Rahmen, leider finden bei dem guten Wetter nur wenige der 30 Angemeldeten den Weg. Zwei davon sind Carina und Alena. Die beiden bekommen erst einmal eine kleine Metallbox, darin können sie im Laufe der nächsten zwei Stunden Symbole für ihre Gedanken sammeln. „Beim Essen darf immer mein Bruder entscheiden, was es gibt. Dabei will ich ganz andere Sachen. Ich werde nie gefragt“, ärgert sich Carina. Und Alena stört, dass sich ihre Schwester immer in den Mittelpunkt drängt, wenn sie auch mal etwas mit ihren Eltern unternehmen möchte.

Marlies Winkelheide und ihr Team versuchen mit Musik und Tanz, den Kindern näher zu kommen. Sie sollen sich wohlfühlen, um Vertrauen zu entwickeln, drehen selbstgebastelte Kreisel und werfen Stimmungswürfel. Ihre neuen Errungenschaften sammeln sie in der Box, zwischendurch wird sie geschüttelt. Das macht Lärm. „Um euch Gehör zu schaffen“, meint Marlies Winkelheide wörtlich.
Wie finden die Kinder es, behinderte Geschwister zu haben? „Man muss auf vieles verzichten. Oft muss ich abends auf meine Schwester aufpassen und kann nicht mit meinen Freunden in die Disco“, meint Alena. Und Johannes sagt: „Man muss es hinnehmen. Ich kann es nicht ändern. Ich finde es blöd, dass ich Sachen nicht mit ihm machen kann, die ich mit meinen Freunden schon machen kann.“
Nach zwei schönen Stunden darf sich jeder etwas wünschen. „Ich hätte gern mehr Anerkennung. Vielleicht einmal ein Dankeschön oder ein Gut gemacht“, meint Alena.
Die Mütter stehen schon vor der Tür, um ihre Kinder in Empfang zu nehmen. Sie bekommen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, schließlich wollen die Mütter wissen, was die Kinder erlebt haben. Hat sich also gelohnt.